Dieser Text wurde vor 87 Jahren in einer Regionalzeitung gedruckt. Als unabhängiges Nachrichtenblatt berichtete es aus der Region unter dem Namen: Triestingtaler und Piestingtaler Wochen=blatt. 5 Jahre später, 1938 war der Tenor dann ganz anders. Da gabs plötzlich breite Beschäftigungsverheissungen. (Und auch die Straßen wurden dann auch im Osten auf Rechtsverkehr umgestellt.) Tja, mit solchen kapitalismuskritischen Einsichten hätte sich die Welt auch anders entwickeln können, wenn die akbild nicht... --- snip --- Weltwirtschaftskrise in Zahlen Obgleich heute fast jeder Mensch durch die Weltwirtschaftskrise in Mitleidenschaft gezogen ist, machen sich doch die wenigsten einen Begriff von der ganzen Furchtbarkeit der Krise. Man ermißt die Ungeheuerlichkeit der Krise jedoch erst dann, wenn man ihre Ausdehnung kennt, wenn einem bewußt wird, wie sehr das Leben der ganzen Menschheit durch sie beeinflußt, das will sagen, verschlechtert wird. Und erst in diesem Bewußtsein wird man ermessen, wie fluchbeladen und wie unhaltbar das kapitalistische Wirtschaftssystem ist, das zwangsläufig immer wieder zu solchen Krisen führen muß. Es muß zwangsläufig immer wieder zu Krisen führen, weil selbst jeder Fortschritt, den die Menschheit geht, innerhalb dieses Systems zu Schlechten der Menschheit ausschlägt. Das Wesen der heutigen Krise, die nun in fortwährender Verschärfung bereits seit dem Herbst 1929 dauert, besteht darin, daß die Möglichkeit, Güter und Einrichtungen zu schaffen, phantastisch gesteigert worden ist, während gleichzeitig das Vermögen der Menschheit, Güter und Einrichtungen zu erwerben, unerhört herabgesetzt wurde. Fluch statt Segen. Die Rationalisierung, die Verbesserung der Maschienen und Arbeitsverfahren, hat die Ergiebigkeit des modernen Wirtschafts- apparates zauberhaft vergrößert, aber sie hat zugleich Millionen und Millionen arbeitslos gemacht und vom Bezug aller Güter ausgeschlossen. Bis vor dem Krieg konnte die europäische Wirtschaft ihre Erzeugnisse in den überseeischen Ländern absetzen; während des Krieges aber haben sich diese Länder teils selbständig gemacht, teil andere Lieferanten gesucht, vor allem Amerika und Japan; abgesehen von diesen Verschiebungen ist die gesamte moderne Wirtschaft durch den technischen Fortschritt heute auf eine Höhe gelangt, gegenüber der die sogenannten äußeren Märkte für die Aufnahme der Waren nicht mehr genügen. Sie würde es auch nicht, wenn sie nicht durch politische Wirren, durch Zollkriege und ähnliche Umstände in ihrer Bedeutung sehr herabgedrückt wären. Die moderne Wirtschaft wirft, kurz gesagt, eine solche Fülle von Waren aus, dasß sie diese Waren nur dann absetzten könnte, würde sie der Arbeiter, der sie hervorbringt, selbst erwerben können, würden nicht mehr äußere Märkte gesucht, sondern die inneren in ihrer Kaufkraft gestärkt. Das heißt: würde die Arbeitslosigkeit durch die Herabsetzung der Arbeitszeit aus der Welt geschafft und die Kaufkraft jedes Arbeiters durch die Hebung der Löhne gesteigert. Daß die Kapitalisten dazu nicht bereit sind, weil es ihren Profit, wenn nicht aufheben, so doch empfindlich verkleinern würde, ist die Ursache des fortdauernden Massenelends. Wie groß ist das Krisenelend? Die Zahl der Arbeitslosen in den verschiedenen Ländern beträgt: Vereinigte Staaten von Nordamerika . . 13,000.000 Großbritanien . . . . . 3,500.000 Frankreich . . . ... . 400.000 Italien . . . . .. . 1,100.000 Schweden . . .. . . 100.000 Dänemark . . .. . . 100.000 Niederlande . . . . . 150.000 Belgien . . . . . . 400.000 Deutschen Reich . . . . . 6,500.000 Österreich . . . .. . 400.000 Tschechoslowakei. . . . .. 500.000 Polen . . . . .. . 400.000 Japan . . . . . . 500.000 Australien . . . .. . 200.000 Übrige Welt . . . . . 2,000.000 Jeder Dritte leidet Mangel. Das sind also rund 30 Millionen Vollarbeitslose zu denen mindestens 70 Millionen Kurzarbeiter zu zählen sind! Will man ermesse, was für ein unvorstellbares Elend hinter diesen Zahlen liegt, dann muß man sich erinnern, daß nach der statistischen Erfahrung zu jedem dieser Arbeitslosen oder dieser Kurzarbeiter durchschnittlich zwei Familienmitglieder zu rechnen sind, was eine Summe von 300 Millionen Menschen ergibt, die am Notwendigsten Mangel leiden! Zieht man noch in Betracht, daß auf der ganzen Erde zwar zwei Milliarden Menschen leben, im Bereich der modernen Wirtschaft aber nur 900 Millionen, dann ist die furchtbare Tatsache offenbar, daß jeder Dritte in dieser zivilisierten Menschheit unter dem Lebensminimum steht. Und Nahrungsmittel werden vernichtet! Diese Menschennot ist um so unerträglicher, als die Menschheit in ihrer Gesamtheit nicht über einen Mangel an Gütern zu klagen hat, sondern geradezu über einen Überfluß. Den 300 Millionenen Notleidenden stehen Berge von Gütern gegenüber, die seit Jahren unverkäuflich sind, die seit Jahren in den Magazinen, Speichern und Silos liegen, verderben und vernichtet werden. Man nennt das die Vorratsstauung auf den Weltmärkten. Sie betrug Ende 1932: Millionen Meterzentner Weizen, unverkäuflich . . . . 130 Zucker, unverkäuflich . . . . 72 Kaffee, unverkäuflich . . . . 15 Englischer Tee, unvrkäuflich. . . . 2 Baumwollem unverkäuflich. . . . 18 Kautschuk, unverkäuflich. . . . 6 Steinkohle, unverkäuflich . . . 200 Aber diese Vorratsstauungen, dieses Liegenbleiben lebensnotwendiger Güter, wird beim Reis ebenso verzeichnet wie beim Mais, bei der Kunstseide ebenso wie bei allen Metallen. Diese unerhört verelendete Menschheit hat von allen Waren zu viel! Man stelle sich nur diese irr- sinnigen Gegensätze vor: den Arbeitslosen, der mit einem verschlisssenen Sack hinter einem Kohlenwagen herläuft und jedes herunterfallende Stück Kohle aufliest und auf der anderen Seite die riesigen Halden, auf denen 200 Millionen Meterzentner eben dieser Kohle seit Jahren unverkäuflich daliegen. Man denke an die Millionen, die nicht genug Brot haben, und stelle sich vor, daß 130 Millionen Meterzentner Weizen in den Speichern verfaulen! Aber die Gegensätze innerhalb des kapitalistitschen Wirtschaftssystems sind ja noch weitaus gräßlicher. Die Waren bleiben nicht nur liegen, sie werden auch vernichtet. In Java wirft man tausende Tonnen Zucker ins Meer, in Indien wird der Tee nicht mehr abgeerntet, in Amerika läßt man Obst auf den Bäumen verfaulen, in Holland wird Schlachtvieh ersäuft und in Brasilien sind 1932 über drei Millionen Säcke Kaffee zu je 60 Kilogramm verbrannt worden. Aber auch die Erzeugung von Gebrauchsartikeln wird gewaltsam eingeschränkt. Mehr als 40 Prozent aller Fabrikanlagen, also fast die Hälfte, liegen heute still. Diese moderne Welt bietet das Bild einer grauenhaften Lähmung: in den Häfen liegen die Schiffe, kalt und ohne Regung; auf den Frachtbahnhöfen stehen quadrat- kilometerweit die Wagen und rosten, und fast jede zweite Fabrik ist gesperrt. Man muß an die Sage von dem alten König Midas denken, dem alles, was er berührte, zu Gold wurde, und der inmitten seines uferlosen Goldes verhungerte, weil ihm auch das Brot zu Gold wurde. Der Profit hungert die Massen aus. Seit einem Jahrtausend hat nun die abendländische Menschheit ihre Einrichtungen ununterbrochen verbessert und immer mehr Quellen des Reichtums aufgeschlossen, aber auf dem Gipfelpunkt der Entwicklung verfällt sie in einem namenlosen Elend, weil zwischen der an Gütern unerschöpflichen Erde und den arbeitenden Händen das privatkapitalistische Unternehmertum steht, das die gerechte Aufteilungm die allgemeine Aufteilung der Güter verhindert. Kurze Arbeitszeit würde genügen! Wie herrlich das Leben jedes einzelnen Menschen bei einer gerechten Aufteilung der Güter sein könnte, haben erst vor kurzem die unter dem Namen Technokraten bekannt gewordenen amerikanischen Ingenieure ausgerechnet: würden nur die Jahrgänge zwischen 25 und 45 arbeiten, und zwar nur drei Stunden an jedem Wochentag, dann könnte jeder von uns, würden alle technischen Hilfsmittel ausgenützt und niemand bevorteilt, ein zehnmal so gutes Leben haben als in der kapitalistischen Welt, selbst wenn sie von Krisen frei wäre! --- snap --- Triestingtaler und Piestingtaler W o c h e n - B l a t t Unabhängiges Nachrichtenblatt Nr. 39 | 30 September 1933 --http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=tpw&datum=19330930&seite=6 --http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=tpw&datum=19330930&seite=7